



Harvey Ball, Franklin Loufrani und das Gesicht, das allen gehört
Der eine zeichnete ein Lächeln für 45 Dollar und ließ es nie schützen. Der andere gab ihm einen Namen und baute darauf ein Lizenzimperium.
Zehn Minuten in Worcester
Im Dezember 1963 hatte die Versicherungsgesellschaft State Mutual Life Assurance aus Worcester, Massachusetts, ein Problem: Nach der Fusion mit einem anderen Unternehmen war die Stimmung unter den Mitarbeitern gedrückt. Die Geschäftsleitung erfand eine „Freundschaftskampagne“ und beauftragte einen örtlichen Werbegrafiker und Veteranen des Zweiten Weltkriegs mit der Gestaltung — Harvey Ball. Ball setzte sich hin und zeichnete einen gelben Kreis, zwei ovale Augen und ein Lächeln. Das dauerte etwa zehn Minuten. Er bekam dafür 45 Dollar.
Das Original war nicht perfekt — ein Auge ist etwas größer als das andere, und das Lächeln ist nicht ganz symmetrisch. Von Hand gezeichnet, nicht mit dem Zirkel. Die Firma druckte die ersten hundert Anstecker; bis zum Ende der Kampagne verteilte sie mehr als hunderttausend.
Ein Gesicht ohne Besitzer
Weder Ball noch die Firma ließen die Zeichnung schützen. Anfang der 1970er-Jahre ergänzten die Brüder Bernard und Murray Spain, Inhaber von Grußkartenläden in Philadelphia, das Gesicht um den Slogan „Have a Nice Day“ und begannen mit der Massenproduktion. Bis 1971 wurden mehr als 50 Millionen Smiley-Anstecker verkauft.
Ball verdiente daran keinen einzigen Cent mehr. Sein Sohn erinnerte sich, dass sein Vater es nie bereut habe — Dankesbriefe aus aller Welt waren ihm lieber als Tantiemen. Er rief den World Smile Day ins Leben, der am ersten Freitag im Oktober gefeiert wird. Er starb 2001. Auf seinem Grabstein ist ein Lächeln zu sehen.
Die einfachste Zeichnung der Welt erwies sich zugleich als die, die sich am schwersten für sich behalten ließ.
Gute Nachrichten in Paris
Auf der anderen Seite des Ozeans hatte Franklin Loufrani, französischer Journalist und Lizenzspezialist, genug von Schlagzeilen über den Vietnamkrieg und Nixon. Er schlug der Tageszeitung France-Soir die Aktion „Prenez le temps de sourire“ vor — „Nimm dir Zeit zu lächeln“. Jede gute Nachricht in der Zeitung bekam ein Zeichen: ein gelbes Gesicht. Die Aktion startete am 1. Januar 1972. Dieses gelbe Lächeln soll die erste Farbe gewesen sein, die je auf der schwarz-weißen Titelseite der Zeitung erschien.
Loufrani tat, was in Amerika niemand getan hatte: Er meldete das Gesicht als Marke an und gab ihm einen Namen — Smiley. Er druckte zehn Millionen Aufkleber und verschenkte sie. Bald folgten die ersten Lizenzen, darunter Schokodragees von Mars mit einem Lächeln auf jedem einzelnen.
Vom Aufkleber zur Marke
1996 übernahm Franklins Sohn Nicolas Loufrani das Unternehmen und gründete in London The Smiley Company. Er ließ die Marke in rund hundert Ländern schützen und machte aus dem Logo einen Lifestyle. Heute arbeitet Smiley mit Hunderten von Lizenznehmern zusammen — von Nutella und McDonald’s bis Moschino und Fendi — und das Unternehmen spendet einen Teil seiner Gewinne an eine eigene Stiftung. Das Lächeln war sogar bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 2012 in London zu sehen.
Zwei Geschichten
Wer hat Smiley also erfunden? Man muss die beiden Gesichter nur nebeneinanderlegen.
Die Ähnlichkeit ist kaum zu übersehen. Designhistoriker nennen meist Harvey Ball als Urheber der Zeichnung, die sich über die ganze Welt verbreitete. The Smiley Company betont, dass Franklin Loufrani das Lächeln als Erster registrieren ließ und daraus eine Marke machte. Beides ist wahr. Ball schenkte der Welt ein Gesicht. Loufrani gab ihm einen Namen — und einen Besitzer.
Übrigens führt dasselbe gelbe Gesicht direkt zu den Emoticons und Emojis, mit denen wir heute täglich schreiben. Kaum eine Zeichnung hatte ein so langes Leben.
Epochen des Lächelns
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